Thao Ho, Hany Tea und Emma Lo
Spätifunk ist ein kollaboratives Projekt, das sich der Erforschung der sozialen Bedeutung von Spätis widmet – den beliebten und in Berlin allseits bekannten Etablissements. Jenseits des äußeren Erscheinungsbildes eines Tante-Emma-Ladens sind Spätis wichtige Bestandteile der Berliner Kieze: Sie fungieren als dynamische und vielseitig nutzbare Räume und sind gemeinschaftsorientierte Einrichtungen, die einen tiefgreifenden Einfluss auf die kulturelle Topographie und das Alltagsleben Berlins haben.

Unser fortlaufendes Oral-History-Projekt stellt die persönlichen Geschichten von Späti-Besitzern vor und beleuchtet die Überschneidungen von kulturellen und politischen Aktivitäten in diesen urbanen Räumen. Wir erforschen die Ursprünge der Spätis als staatliche Läden für Nachtschichtarbeiter*innen in der DDR und untersuchen das komplexe Zusammenspiel zwischen Migrationsgeschichte, Unternehmensbesitz und den Anpassungsstrategien der Späti-Besitzer*innen, um sich in der politischen und urbanen Landschaft der Stadt zu bewegen. Indem wir den Alltag von Migrant*innen in der Stadt beleuchten, erforschen wir auch „gewöhnliche“ Herausforderungen jenseits von Themen wie „Vielfalt“, „Multikulti“ und „(Fehl-)Übersetzungen“, die dazu neigen, Migrant*innen auf die Rolle von „Neuankömmlingen“ zu beschränken, anstatt sie als Individuen zu verstehen, die in die Mechanismen der Stadt eingebunden sind.
Spätifunk befasst sich mit Fragen der kollektiven Solidarität gegen die Gentrifizierung, mit Fragen des Tourismus (Insider-Outsider-Perspektive), der Zugehörigkeit und der alltäglichen Gemeinschaft (innerhalb des Spätis und darüber hinaus), bei gleichzeitiger Konfrontation mit struktureller Diskriminierung aufgrund von Herkunft und Geschlecht, um nur einige Beispiele zu nennen.
Mit kreativen und kollaborativen Dokumentationsmethoden arbeiten wir im Gespräch mit den Ladenbesitzer*innen und nutzen verschiedene Technologien und Praktiken, um unsere zwischenmenschlichen, akustischen, visuellen, räumlichen und erfahrungsbezogenen Eindrücke von den Spätis, die wir besuchen, aufzuzeichnen und darzustellen. In einer fortlaufenden Serie von interaktiven Installationen und Veranstaltungen mit Foto-, Video- und Audioaufnahmen werden die Geschichten des Spätifunks seit Sommer 2023 in vielen öffentlichen Räumen Berlins ausgestellt. Zu den Formaten gehören eine partizipative Ausstellung im Kiosk der Solidarität, ein Sound Walk, eine Podiumsdiskussion mit einem Vertreter des Berliner Späti e.V., ein Sound Play mit beliebten Späti-Artikeln und eine Reihe von audiovisuellen Installationen.

Im Rahmen des Residency-Programms 2023 von Urbane Praxis und für die PRAXISWOCHE: Own your City! hat Spätifunk drei Installationen im öffentlichen Raum realisiert – einige in ausgewählten Späti-Schaufenstern in der Stadt, im Gecekondu am Kottbusser Tor und im Container auf dem Dragonerareal. Die Ausstellung bot den Menschen die Möglichkeit, sie rund um die Uhr zu besuchen und dokumentierte in Bild und Ton unsere Gespräche mit Späti-Besitzer*innen über ihre Spätis, Erfahrungen mit der sogenannten Sonntagsregelung, das Verbot von Außenbestuhlung, Gentrifizierung, Besuche des Ordnungsamtes und das alltägliche Engagement der Spätis in ihren Vierteln.

Spätifunk ist ein Gemeinschaftsprojekt konzipiert von Thao Ho, Hany Tea und Emma Lo in Zusammenarbeit mit Späti-Besitzer*innen in Berlin und dem Berliner Späti e.V. und der Fotografin Huong Nam Nguyen Thi. Bitte kontaktiert uns bei Fragen, Ideen für eine Zusammenarbeit oder mit euren eigenen Späti-Geschichten auf Instagram @spaetifunk.berlin oder per E-Mail spaetifunk.berlin (at) gmail.com. Im folgenden könnt ihr das Interview mit Anh Hiệp hören oder lesen, welches wir im Sommer 2023 in seinem Späti durchgeführt haben.
Interview Anh Hiệp
HI Hiệp
HA Hanh
N Nam
HI Mein Name ist Hiệp, und dieser Laden wurde 2013 eröffnet. Ich erinnere mich nicht mehr so genau, es scheint ungefähr im März oder so gewesen zu sein, jetzt ist es zehn Jahre her. Am Anfang war es mit dem Verkauf schwierig, es gab nicht so viele Waren. Ich habe sie nach und nach geholt und damit einher auch Kunden „gesammelt“, und so wussten die Leute auch von uns. Früher war das hier auch schon ein Laden, aber der hatte nur zu normalen Uhrzeiten geöffnet, nur bis 20 Uhr. Nur wenige Leute wussten, ob und wann ich geöffnet hatte oder welchen Preis ich anbiete. Wenn ich später aufmache, dann freuen sich die Kund*innen, sind zufrieden und kommen wieder zu uns. Es sind hauptsächlich Stammkund*innen, die uns kennen. Es gibt keine Kund*innen, die von weit weg kommen, weil hier nur die sind, die auch in der Nähe wohnen, keine Tourist*innen oder Leute, die unterwegs sind oder reisen. Manchmal gibt es hier auch so Leute, die ihre Wohnungen untervermieten, so wie über Airbnb, darum kommen diese Leute dann auch mal vorbei. Sonst sind hier in der Umgebung nur so die Leute, die hier wohnen.
HA Und du und deine Familie leben auch hier?
HI Ich arbeite nur hier, nein, meine Familie ist nicht hier, wir wohnen in Lichtenberg,
HA Ah Lichtenberg, auch nicht so weit.
HI Ja, nur so 5–7 km von hier. Hier arbeiten wir nur für die Familie, nur wir beide, also meine Frau und ich. Also wenn ich krank bin, übernimmt meine Frau, ansonsten verkaufe ich, denn sie ist dann beschäftigt, auf die zwei Kinder aufzupassen.
HA Aber es gibt sonst niemanden, der hier arbeitet?
HI Es gibt niemand anderes, wir arbeiten nur im Familienbetrieb.
HA Was ist deiner Meinung nach ein Späti? Was ist das Besondere daran? Also ein Minimarkt ist ja anders, ein Supermarkt ist anders… Was ist ein Späti?
HI Stimmt, der Späti hat den Vorteil, dass du egal zu welcher Zeit Sachen kaufen kannst. Spätis, also die Leute, verkaufen halt spät. Es gibt andere größere Geschäfte wie Minimarkt, die sind nur bis 20 Uhr geöffnet oder 22 Uhr so wie Kaufland. Spätis verkaufen im Kiez, weil Leute nicht so weit gehen wollen, z.B. wenn es dunkel ist, oder wenn Frauen nicht so weit gehen möchten oder Kinder, weil es im Dunkeln nicht so sicher scheint. Der Vorteil vom Späti ist, dass sie nicht so weit gehen müssen, aber es ist schon ein bisschen teurer hier, aber das nehmen sie dann in Kauf. Aber zu jederzeit kannst du was kaufen. Der Nachteil ist, dass der Preis höher ist als anderswo. Also: späte Öffnungszeiten und Kund*innen, die spät einkaufen, ja. Also unser Späti hat keine Probleme, also unsere Schwierigkeit besteht darin, hier an Feiertagen oder Sonntagen, wenn ich noch ein bisschen länger aufmachen könnte, so 5-6 Stunden, dann wäre es besser. Dann sind die größeren Geschäfte zu und ich könnte noch zusätzliches Einkommen verdienen… Der Späti hier ist eher für Familien und zweitens, wenn unsere eigenen Ausgaben höher sind als der Umsatz, dann ja, ist das auch schwierig. Also wenn man an den Feiertagen oder Sonntagen länger aufmachen könnte, dann wäre das besser, um mehr Geld zu verdienen. Aber was sonst, sonst reicht es zum Leben, auch wenn es nicht viel ist (lacht). Wir müssen uns ja auch bemühen, zu konkurrieren, wir sind ja nicht alleine hier in der Gegend. Hier gibt es viele. Also Vietnames*innen, Türk*innen, Inder*innen, egal wer, und die Leute von größeren Märkten. Die normalen Menschen verdienen auch nicht so viel… Dann gehen sie in größere Geschäfte, wo es Angebote gibt und kaufen eher dort ein, anstatt bei uns.
Spätis verkaufen im Kiez, weil Leute nicht so weit gehen wollen, z.B. wenn es dunkel ist, oder wenn Frauen nicht so weit gehen möchten oder Kinder, weil es im Dunkeln nicht so sicher scheint.
Anh Hiệp
HA Und während der Pandemie, auf welche Schwierigkeiten bist du gestoßen und wie konntest du diese Probleme lösen?
HI Covid… wir haben keine Schwierigkeiten als Späti gehabt, denn unser Späti konnte weiterhin offen bleiben. Es war nur schwierig, weil es halt nur eine Begrenzung an Leuten gab, die rein durften, so 5 Leute durften ins Geschäft. Aber sonst… Denn die Lebensmittelindustrie durfte ja weiterhin offen sein, unser Späti hatte keine Probleme. Wenn die großen Märkte zu waren, dann kamen sie zu uns. Zweitens, die Leute kennen uns ja schon. Hier sind unsere Gäst*innen nur Stammkund*innen und weniger Leute von außerhalb.
HA Gibt es hier in der Gegend viele Spätis?
HI Ja, sehr viele, ja. In der näheren Umgebung, so in einem Umkreis von 500m, gibt es so 7–8 Spätis. Allein hier, zähle ich schon mindestens 5.
HA Hast du hier viel Kontakt zu anderen Spätis in der Nähe?
HA Hier im Bezirk oder in anderen Bezirken?
HA Hier im Bezirk, hier in Friedrichshain.
HI Wir haben nicht wirklich Kontakt zu anderen. Wenn man sich trifft, sagt man sich mal hallo, denn sie sind ja auch Konkurrenz. Mit Restaurants ist das kein Problem, aber bei Spätis… z.B. bei den Preisen: „Oh, warum machst du den Preis?“ „Und warum machst du diesen Preis?“ Aber wenn es ein Freund von weiter weg ist, dann ist es okay, also weit von unserem Kiez entfernt, dann ist es okay, aber wenn zu nah, dann kann es auch mal ein bisschen Ärger geben. Das sind eher die Schwierigkeiten.
HA Was ist deine Einschätzung zu Problemen von migrantischen Familienbetrieben?
HI Also, so Probleme wie…
HA … Wie Diskriminierung, Rassismus…
HI Nur manchmal. Manchmal kommen sie rein und dann sagen sie unfreundliche Sachen und das kann ich einfach nicht hören und dann bin ich auch unzufrieden. Zum Beispiel, wenn meine Stammkunden kommen und mir noch eine Flasche Bier oder Schnaps schulden, dann auch noch betrunken sind, dann schimpfen sie. In dem Fall muss ich mir sagen, erstens sie sind betrunken oder ich sag lieber nein. Dann sollten sie lieber direkt bezahlen und nicht wann anders. Ansonsten ist mir bewusst, dass die Deutschen keine Ausländer wollen, die hier ins Land reinkommen… aber es gibt wenige, die so denken, die Leute sind dann auch unfreundlich. Nur selten treffe ich solche Leute. Oder wenn so Typen unzufrieden sind oder mich einfach nicht leiden können, weil sie noch nicht bezahlt haben, weil sie kein Geld haben, dann lass ich das nicht zu.
Und was Politik betrifft oder Politisches würde ich sagen, gibt’s kein Problem, ich denke nur an Leute, die nur zu Hause sitzen und nicht arbeiten und vom Sozialamt leben, aber dann selbst sagen, „warum kommen denn so viele Leute hierher“, sonst… Aber ehrlich, ich bin wie ein Stück Sand in der Wüste, was soll ich da sagen, ich bin da ja ganz alleine. Dann lieber Ruhe, dann sag ich lieber nichts dazu.
Aber ehrlich, ich bin wie ein Stück Sand in der Wüste.
Anh Hiệp
[Eine unbekannte Person von draußen: Ist das dein Mercedes hier, Bruder? Nein? Weißt du, wem du das gehört?… Danke]
(HA lacht)
HA Was ist dein meistverkauftes Produkt hier im Späti?
HI Bei uns eher nur Bier.
HA Welches Bier?
HI Berliner. Berliner Leute trinken halt Berliner (lacht). Berliner oder halt Sternburg. das ist überall so. Die, die hierherkommen, Sie trinken Berliner oder Sternburg, das günstigste Bier, was es halt gibt. Für das teure Bier, da das Einkommen halt gering ist, darum trinken sie eher günstiger. In Berlin trinken sie Berliner. Beide Sorten.
HA Und in deinem Späti, hörst du Musik?
HI Nein.
HA Nein?
N Du hörst zwar keine Musik, aber du schaust ja auch Filme oder Serien?
HI Ich schau nur Filme, Serien oder Nachrichten, sonst höre ich keine Musik, weil wenn ich zu laut Musik anhabe, dann verstehe ich die Deutschen nicht, wenn Leute was sagen. Auf der einen Seite läuft Musik, auf der anderen Seite reden sie, z.B. wenn sie über ein Problem sprechen oder Zigaretten wollen, muss ich meine Hand so halten, damit ich was hören kann. Und wenn die Deutschen wieder gehen, dann schalte ich eher so sanfte Musik ein. normalerweise… Die Deutschen kommen nur kurz rein, so eine Minute und 30 Sekunden, kaufen was und gehen direkt. Dann würde ich die Musik etwas lauter machen.
HA Was sind besondere oder schöne Begegnungen, die du mit Kund*innen hattest? Möchtest du eine Erinnerung mit uns teilen?
HI Was die Kunden betrifft?
HA Ja.
HI Klar, wenn sie sagen: „Der Service von euch ist gut und ich komm gern zu euch.“ Aber egal wo ist das so. Wo der Service gut ist, dann kommen auch die Kund*innen. Wenn du in ein Geschäft gehst und ein langes Gesicht machst, dann hast du auch schlechte Laune. Wenn der Verkäufer gute Laune hat, dann fühlst du dich auch gut. Gegen abends kommen sie vorbei, trinken Bier und dann schnackt man ein bisschen, ich komm dann auch raus. Das ist so mein Service. Dann kommen auch die Kund*innen. Auch in Restaurants halt, da ist das ähnlich, stimmt’s? Der Chef oder der Service, wie sie so sind, darauf kommt es an. Auch wenn es nicht so läuft mit dem Verkauf, aber die Leute brauchen Komfort. Wenn du essen und trinken willst, möchtest du ja auch Komfort und keine Schwierigkeiten. Ihr habt doch bestimmt auch schon in der Gastro gearbeitet, oder?
N Ja, ich, ja.
HI Dann versteht ihr ja diese Sache. Wenn der Service gut ist, dann gibt es auch Trinkgeld, das ist ja klar. Hier ist es ähnlich. Wir nennen es hier Service. Unser Vorteil ist der Service. Ja, der Preis ist ein bisschen höher bei uns, aber sie kommen trotzdem vorbei, weil sie Komfort finden. Der Service zählt zu 50%, also auch wenn man schlechte Laune hat und so, aber wenn man was verkauft, dann sollte man gut gestimmt sein.
N Ich sehe gerade, dass du ein paar asiatische Produkte hier hast. Lassen sie sich hier gut verkaufen oder kommen die Leute extra hierher, um sie hier zu kaufen?
HI Um ehrlich zu sein, es ist eher nur für Notfälle. Dass Leute wissen, „Ah, das gibt es hier, so asiatische Produkte“.
N Ah okay. Denn hier in der Gegend gibt es ja keinen asiatischen Markt wirklich…
HI Stimmt. Dong Xuan…
N Dong Xuan ist aber weit.
HI Von welchem Markt sprichst du denn?
N Von dem Markt in der Frankfurter Allee.
HI Ah, aber die Frankfurter Allee ist zu weit.
N Darum frage ich mich, ob die Leute extra hierher kommen um asiatische Produkte bei dir zu kaufen…
HI Nein, hier kommen nur Kund*innen, die man kennt, die auch wissen, dass wir auch Nudeln haben. Aber wenn du wirklich mit asiatischen Lebensmitteln kochen willst, dann musst du zu den richtigen asiatischen Supermärkten. Ich kann dir gleich einen Supermarkt zeigen, wo es nur diese, also nur asiatische Produkte gibt. Wenn du etwas kaufen möchtest,… Denn wenn du z.B. Kleidung kaufen willst, gehst du ja dahin, wo man Kleidung kaufen kann. Und beim Essen da, wo es was zu essen gibt, und beim Trinken genauso. Man schafft ja nicht alles gleichzeitig zu verkaufen.
N Es gibt ja bei dir auch Reisnudeln!
HI Ja, es ist nur für Notfälle, wirklich. Aber es gibt nur wenig.
N Okay.
HA Katzenfutter gibt es hier auch, wie gut. (lacht)
HI Natürlich. Nicht nur für Katzen. sondern auch für Hunde. wenn es für Katzen gibt, muss es ja auch für Hunde geben.
HA Stimmt.
HI Es ist nur eine kleine Ecke für Tiernahrung.
Emma Lo ist Forscherin und Klangkünstlerin, und promoviert derzeit an der FU Berlin im Rahmen des Projekts „Akustische Störungen“. Ihre Praxis trifft die Überschneidungen von Klang, Technologie und Diaspora.
hany tea ist eine interdisziplinäre Künstler*in und Forscher*in. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Diaspora, kollektiver Erinnerung und Klang in urbanen wie ökologischen Räumen. Im Mittelpunkt stehen Communities, deren Erfahrungen durch Migration, Flucht, Gender und intergenerationalen Perspektiven geprägt sind.
Thao Ho ist Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen des Forschungsprojekts „Tales of the Diasporic Ordinary“ unter der Leitung von Prof. Dr. Elahe Haschemi Yekani. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das Erinnern und alternative Formen der Archivierung.
Das Projekt wurde gefördert und 2023 im Rahmen der Own your City!-Residenz erstmals auf dem Symposium Researching Urbanity und von Urbane Praxis e.V. präsentiert.